Krakau: Piroggen, Chopin und die Tuchhallen – Impressionen aus einer verregneten Stadt Mindestens acht Gründe, warum es sich lohnt, die zweitgrößte Stadt Polens auch in der nasskalten Jahreszeit zu besuchen


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Wohl kaum eine andere Stadt in Osteuropa hat es wie das polnische Krakau verdient, von den Reiseveranstaltern als die „Südländische“ gekürt zu werden. Die zweitgrößte Stadt in Polen mit seiner Architektur Bella Italia, seinen lichten Plätzen, Schlössern und Palästen ist traumhaft schön und lädt zum Flanieren ein – in der warmen Jahreszeit. Doch lohnt sich ein solcher Besuch auch bei kaltem und regnerischem Wetter zum Jahreswechsel im Dezember und Januar? Auf jeden Fall, meint unser Autor Ronald Keusch: mindestens acht Gründe sprechen für einen Besuch von Krakau – auch bei Nieselregen und Schneefall.

Erstens: Der Weihnachtsmarkt auf dem Marktplatz

Zu den schönsten Sehenswürdigkeiten Krakaus gehört die historische Altstadt Stare Miasto. Scheinbar nahezu alle Straßen und Gassen führen wie die Strahlen der Sonne zu ihrem Mittelpunkt, dem großen Marktplatz Rynek Glowny. Mit seiner wahrlich beeindruckenden Größe von rund 200 mal 200 Metern nimmt er die Spitzenposition mittelalterlicher Plätze in Europa ein. Umrandet ist der Krakauer Marktplatz von herausgeputzten Häusern mit zahlreichen Restaurants, Lokalen und Hotels. Stimmungsvoll ist der traditionell aufgebaute Weihnachtsmarkt, der sogar noch einige Tage nach Silvester geöffnet ist. Auch durch die Kulisse des Großen Marktes verbreiten die Verkaufsstände mit Handwerkskunst ein wenig von dem Feeling uralter Weihnachtsmärkte. Dazu tragen auch die Stände mit zahlreichen Köstlichkeiten bei, Altbekanntes aus Deutschland wie gebrannte Nüsse und Lebkuchen, aber auch jede Menge polnische Spezialitäten. Da schmeckt die Rote-Bete-Suppe Barszcz oder der polnische Kraut-Eintopf Bigos, angereichert mit ein paar Schneeflocken und als Beilage der unumgänglich große Brotkanten, noch besser als im Restaurant. Und zum Abschluss Oscypki Pyzdra, den geräucherten polnischen Ziegenkäse traditionell mit Preiselbeeren.

Zweitens: Die Tuchhallen

In der Mitte des großen Marktplatzes strecken sich die Tuchhallen aus, das wohl bekannteste und für die meisten sofort erkennbare Wahrzeichen von Krakau. Diese Tuchhallen sind das älteste Handelszentrum der Stadt. Sie wurden nach einem Umbau im 16. Jahrhundert im wunderschönen Renaissance-Stil errichtet. Bei einem Spaziergang in den Arkaden kann man die bemerkenswerten Maskaronenköpfe bestaunen, die die wunderbare lange Attika krönen. Die Maskaronen sind von Santi Gucci entworfene, geschnitzte Köpfe damaliger Kaufleute. Die Längsseiten der Tuchhallen erhielten im späteren Umbau neugotische Arkaden. Hier wird schon seit langem nicht mehr mit Tuchen und Stoffen gehandelt, sondern jetzt sind hier Souvenir-Geschäfte und Kunsthandwerk untergebracht und der Besucher kann Bernsteinschmuck in allen Größen und Formen aus der Krakauer Region bewundern. Ebenfalls sind hier Restaurants mit polnischen Spezialitäten zu finden. Und auch das berühmte Cafe Noworolski ist beheimatet mit Kristall-Lüstern und gepolsterten Sofas und Stühlen aus Habsburger Zeiten.


Fotostrecke Krakau


Drittens: Galerie der polnischen Kunst

Auf keinen Fall sollte der Besucher versäumen, in der ersten Etage der Tuchhallen die Galerie der polnischen Kunst zu besuchen. Die Ausstellung ist eine der größten und berühmtesten Sammlungen der polnischen Kunst des 19. Jahrhunderts. Sie vereint die Arbeiten polnischer Künstler, die in Polen und in der Emigration entstanden. Sie zeugen von ihrem Streben nach Unabhängigkeit und davon, dass sie sich in der Periode der polnischen Teilung nie mit dem Verlust des Vaterlandes abfinden wollten. Da galoppieren im besten polnischen Naturalismus vier rassige Pferde gezügelt von einer Hand eines jungen Burschen mit einem Bauernfiaker auf den Betrachter zu (Jozef Chelmonski, Czworka). Da entwirft der Maler Jan Matejko ein pompöses historisches Gemälde „Hold pruski“ über den Kniefall eines deutschen Hochmeisters des deutschen Ordens vor dem polnischen König im Jahr 1525. Und da schlagen sich bei Pjotr Michalowski polnische Kavalleristen tapfer für Napoleon im Spanienkrieg. Vielleicht noch deutlicher als auf dem stolzen mittelalterlichen Marktplatz ist hier ein Stück der „polnischen Seele“ zu entdecken.


Viertens: Der Wawel

Auf einem Hügel nahe der Altstadt thront der Wawel, das unübersehbare Wahrzeichen von Krakau. Es ist aber noch weit mehr und wird von den Polen als ein verehrtes Symbol ihres Staates und ihrer Geschichte betrachtet. Dementsprechend bilden nicht nur Touristen aus aller Welt, sondern auch nicht wenige Einheimische lange Schlangen an den Eingängen. Der Wawel stellt ein großes Bauensemble von tausend Jahren Kunst und Architektur dar, in dessen Mittelpunkt das Schloss steht.

Schon der Eintritt in den Schlosshof mit seiner hellen Pflasterung und den umlaufenden Arkaden ist höchst eindrucksvoll. Das heutige zweigeschossige Schloss ist in den Stilen von Renaissance und Barock gebaut und trägt außerdem noch Elemente des Klassizismus. Der Gang durch die repräsentativen Königsgemächer ist ein Streifzug durch Zimmer und Säle, in denen Abgesandte empfangen, Senatssitzungen gehalten und höfische Bälle und Hochzeiten gefeiert wurden.

Besonders beeindruckend sind die riesigen flämischen Gobelins, die König Sigismund August im 16. Jahrhundert bestellte und von denen heute immerhin noch 136 zu bestaunen sind. Die längste Warteschlange der Besucher ist vor der aus Backstein und weißem Kalkstein gebauten Wawel-Kathedrale, die auf eine tausendjährige Geschichte zurückblickt. „Derjenige, der die Wawel-Kathedrale besucht, muss der Geschichte der Nation ins Gesicht blicken“. So die Worte von Papst Johannes Paul II. Das Denkmal von Karol Jozef Wojtyla steht gleich neben der Eingangspforte.

Fünftens: Piroggen im „Przypiecek“

Bei nasskaltem Wetter sucht der Besucher die viel beschriebenen Gaumenfreuden Krakaus nicht allein auf dem Weihnachtsmarkt, sondern unter einem dichten Dach im Warmen. Eine der scheinbar unzähligen Straßen und Gassen vom und zum Alten Markt ist die Slakowska Straße. In der Nummer 32 hat der kleine Laden-Imbiss „Przypiecek“ sein zu Hause. So schwierig der Name für deutsche Zungen auszusprechen ist, so einfach präsentiert sich das Konzept in dem schmalen Raum mit sechs Tischen nebst Stühlen und einer Verkaufs-Theke. Hier dreht sich alles nur um Piroggen (pirogi). Die Qual der Wahl ist nur die Füllung, mit Käse oder Fleisch, mit Brokkoli oder Spinat, mit Pflaumen, Nüssen, Pilzen, Quark und dazu obligatorisch ein Klecks saure Sahne. Zwar kann man nicht mehr einer Oma beim Teig rollen und schneiden zusehen, wie ein Krakau-Reiseführer (Meridian live: Krakau, 1. Auflage 2018) ankündigt hat, aber die Piroggen, die junge Leute in der hinteren Küche zubereiten, schmecken auch so hervorragend.

Sechstens: Einkehren bei Wierzynek

Zu den Höhepunkten 650 Jahre alter Traditionen der Restaurant-Künste in der Handelsstadt Krakau zählt der edle Speise-Tempel „Wierzynek“. Er liegt direkt am großen Marktplatz mit Blick auf die Tuchhallen und den stolz sich erhebenden Rathausturm. Seine Berühmtheit verdiente sich das Speisehaus im Jahr 1364, als es dem reichen Kaufmann Mikolaj Wierzynek (deutsch Wirsing) gelang, einige Monarchen aus Europa mehrere Tage als Gäste zu bewirten. Es kamen damals auf Einladung des polnischen Königs Kasimir III. des Großen in die damalige Hauptstadt Polens ein Kaiser, einige Könige sowie zahlreiche europäische Prinzen. Auch noch heute ist das königliche Ambiente mit pompösen Wandteppichen, glitzernden Kronleuchtern und imposanten Kassettendecken ein Erlebnis. Ein prächtiges Gemälde über dieses königliche Festmahl aus dem Jahr 1876 von Bronislaw Abramovicz ist in einem der sieben Räume zum Bestaunen aufgehängt.

Nicht unerwähnt sollte die heutige Speisekarte bleiben, die mit Gourmet-Preisen überhäufte Gerichte anbietet – mit traditionellen polnischen Aromen, präsentiert mit einer modernen Note – natürlich zu fürstlichen Preisen. „Es war definitiv das beste kulinarische Erlebnis, das ich je in Polen erlebt habe“, lautet eine Eintragung im Gästebuch. Angesichts solcher hymnischen Urteile ist hier die Reservierung von Plätzen notwendige Pflicht.

Siebtens: Das jüdische Viertel Kazimierz

Ein eleganter Weg in den Stadtteil Kazimierz führt auf die 2010 erbaute 130 Meter lange Fußgänger-Brücke über die Weichsel. An den Stahlseilen dieser Brücke balancieren spektakulär in einer Installation des Künstlers Jerzy Kedziora ein Dutzend Skulpturen, die akrobatisch mit Bällen und Stangen jonglieren. Sie signalisieren dem Besucher die Ankunft in einem Viertel, das früher eine selbständige jüdische Stadt war, später in Krakau eingemeindet wurde und sich heute in ein „Quartier Latin“ und einen attraktiven Platz für Künstler verwandelt hat. Nur 15 Gehminuten vom Zentrum wurden in den letzten Jahrzehnten Ateliers und Galerien und scheinbar unzählige Cafès und Clubs eingerichtet. Sie bilden eine Einheit mit jüdischen Museen und mit den sieben Synagogen. Dazu zählt die Tempel-Synagoge erbaut im Jahr 1860 im Stil der Neo-Romantik mit Elementen der Renaissance.

Ein wesentliches Element von Kazimierz sind eine Reihe traditionsbewusster jüdischer Restaurants wie das „Ariel“, das auch die begehrten Klezmer Musikabende veranstaltet. Der Boheme-Charakter des Viertel zeigt sich ebenfalls in mancher Gemälde-Kunst an großen fensterlosen Häuserfronten. Kazimierz biete heute eine Melange an jüdisch-polnischer Kultur, die auch bei Regenschirmwetter viele Besucher anzieht.

Achtens: Chopin trift Jazz

Zu einem Besuch der Stadt Krakau gehört zu jeder Jahreszeit eine Begegnung mit der Musik von Frédéric Chopin. Jeden Abend finden in mehreren Konzerträumen Chopin-Konzerte statt. So zum Beispiel in der historischen Chopin-Galerie in der Slawkowska Straße nahe vom Marktplatz, einem zur Musikakademie gehörenden Saal. Mit nur etwa achtzig Plätzen für die Besucher gelingt es den hier auftretenden preisgekrönten jungen Pianisten, auch angesichts der Bilder über Chopins Leben an den Wänden eine nahezu intime Atmosphäre eines früher üblichen Hauskonzerts im 19. Jahrhundert zu schaffen. Nach wie vor gilt Chopin bei seinen Landsleuten als größter Komponist Polens. Doch seine Polonaisen, Mazurkas und Walzer, die das Gefühl der Sehnsucht nach seiner Heimat prägen, verzaubern gleichermaßen das Publikum aus aller Welt.

Eine unbedingte Ergänzung zur klassischen Musik sind die Lokale mit moderner Live-Musik. Gleich an der Nordseite des großen Marktplatzes befindet sich der Jazz-Club Piano Rouge. Tief in den Kellergewölben sind die Jazz-Klassiker zu Hause, die mit dunkler Stimme so manchen Evergreen auflegen “You are the sunshine of my life“.

Gleich um die Ecke befindet sich „Harris Piano Jazz Bar“, an dessen Eingang in den Jazzkeller die Figur eines farbigen Jazz-Musikers die Gäste begrüßt. Ein knappes Dutzend Jazz- und Blues-Lokale gibt es, viele mit live Musik und leicht erreichbar in der Altstadt. Hier treffen sich die Klavierkonzerte Chopins und der Jazzsound von Miles Davis. Das sagt sehr viel über das Lebensgefühl der Bewohner von Krakau wie auch ihrer Besucher aus.

Text und Fotos: Ronald Keusch, Januar 2019

Titelfoto / Krakau: Kathedrale und Schloss. / Foto: Ronald Keusch


Krakau ist erste Gastro-Hauptstadt Europas

Polens einstige Königsstadt Kraków (Krakau) ist nicht nur Welterbe, ehemalige Kulturhauptstadt und Stadt der Literatur. In diesem Jahr will die Weichselmetropole beweisen, dass sie auch den Titel „Hauptstadt der Gastro-Kultur“ mehr als verdient hat. Dabei kommt ihr sogar eine Vorreiterrolle zu. Denn sie ist die erste Stadt, die von der European Academy of Gastronomy gekürt wurde.

Für das „Hauptstadtjahr“ hat sich Krakau einiges vorgenommen. So wird nicht nur ein internationaler Kongress für Gastroprofis und Feinschmecker stattfinden. Es werden auch zahlreiche Treffen und Showkochveranstaltungen mit namhaften Köchen aus dem In- und Ausland sowie die erste „europäische Kocholympiade“ organisiert. Innovativ ist zudem das Format „Virtuelles Abendessen“. Dabei können Interessierte über das Internet gleichzeitig verschiedene Restaurantküchen bei der Arbeit verfolgen.

Einen Überblick über diese neuen sowie über altbewährte kulinarische Veranstaltungen, wie das Pierogi-Festival, den Krakauer Karneval oder den Johannismarkt, gibt der offizielle Kulinarik-Kalender für dieses und die kommenden Jahre, der demnächst auf der offiziellen Homepage von Kraków veröffentlicht wird. Die Stadt an der Weichsel hat kulinarisch einiges zu bieten. So finden sich zahlreiche Restaurants mit Empfehlungen im Michelinführer „Main Cities of Europe“ sowie im „Gault&Millau“.

www.krakow.travel


Anreise und Übernachtung

Ronald besuchte Krakau vom 29. Dezember 2018 bis 3. Januar 2019

Hinflug: Direktflug mit ryanair von Schönefeld, Ablug 7:10 Uhr, Ankunft 8:25 Uhr, Ticket sehr günstig. Mit dem Taxi in die Altstadt 30 Euro. Es gibt auch eine Buslinie und eine Bahn bis Hauptbahnhof.

Rückflug:  LOT, Abflug 15:05 Uhr, über Warschau nach Berlin-Tegel, Ankunft 18:50 Uhr (es gab keinen Direktflug am Nachmittag)

Unterkunft: Hotel Stary ( stary@hotel.com.pl ). Gut gelegen, nur wenige Meter vom großen Markt entfernt, auf dem sich vieles abspielt. Große Zimmer, originelle Innenarchitektur (alt/neu). Es gibt in Krakau auch sehr viele preiswerte Varianten Privatzimmer, Hostel und Pensionen. Man kann vieles auch vor Ort buchen.


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