Serbien: Das noch unbekannte Reiseland


8 Minuten Lesezeit

Die Landschaften an Flüssen haben ihren besonderen Reiz und sind ausgezeichnete Chroniken der Geschichte. Das trifft auch auf die Donau zu und ihren 588 Kilometer langen Abschnitt in Serbien. Griechen und Römer, Pilger und Kreuzfahrer waren auf dem Fluss unterwegs. Die Donau, eine der wichtigsten Handelsstraßen, führt auch immer mehr Touristen nach Serbien und bis zum Schwarzen Meer. Die Anmut von Belgrad an der Mündung der Save in die Donau rührt maßgeblich daher, dass sie eine von Flüssen umarmte Stadt darstellt. Doch es lohnt sich für die Besucher, dem Flusslauf der Donau folgend, uralte Siedlungen und Festungen zu besichtigen.

Faszinierend das Eiserne Tor, so wird die Durchbruchsstelle der Donau durch die Karpaten genannt. Hier wird die Donau bis auf eine Breite von 150 Meter verengt. Zwei Staudämme, die in den 60er und 70er Jahren im damaligen Jugoslawien gebaut wurden, zähmen die Wasserstrudel, schützen vor Überschwemmungen und produzieren mit Turbinen Strom. Die steilen Wände der Schlucht bieten von der Wasserstraße wie auch vom Rad bzw. Fahrweg am Ufer einen imponierende Sicht.

Einen Einblick in die Faszination des großen Stroms Donau gibt das folgende Video


Fotostrecke: Die Donau

Fotos: Ingo Paszkowsky

Pompeji des Balkans

Hier nahe von Kostolac erwartet den Besucher das antike Viminacium, eine der größten Ausgrabungsstätten der Römerzeit, sozusagen das Pompeji vom Balkan. Die frühere Hauptstadt der römischen Provinz Moesia war total von Erde bedeckt und hat 2000 Jahre unberührt geschlafen. Dann begannen Archäologen, die Stadt Viminacium und das römische Legionslager auszugraben. Römische Bäder und Thermen sowie ein Amphitheater wurden freigelegt, in großer Zahl Mausoleums-Fresken und Schmuck gefunden. Sie werden in einem Besucherzentrum präsentiert, das in Form einer römischen Villa gebaut wurde. Zelte auf dem großflächigen Gelände zeugen davon, dass die Archäologen weiter am Werk sind, denn nicht einmal fünf Prozent dieser ehemaligen römischen Provinzhauptstadt sind freigelegt.

 


Fotostrecke: Antikes Viminacium

Fotos: Lassuns.reisen / Ingo Paszkowsky, Ronald Keusch

Prähistorische Funde

Unmittelbar auf einer Donau-Terrasse, nahe der Stadt Golubac und seiner berühmten Festung, kann der Besucher die Kulturgeschichte der Menschen noch weiter zurück verfolgen. Hier wurden in einer Tiefe von zehn Metern Fundorte von Siedlungen entdeckt, die vor 7500 Jahren gegründet wurden. Nach den sensationellen Funden im Rahmen von Bauarbeiten zu Staudämmen am Eisernen Tor konnten in mehrjährigen Grabungen die Überreste einer jungsteinzeitlichen Siedlung zu Tage gefördert werden. Vor allem mit den entdeckten Steinskulpturen und Werkzeugen aus Hirschgeweihen gehört Lepenski Vir zu den spektakulärsten prähistorischen Fundorten Europas. Deshalb spendierte die EU und Sponsoren zur Freude der Touristen der 3000 Quadratmeter großen Fundstätte eine spektakuläre riesige Ausstellungshalle mit großen Glasfronten. In einem Kinosaal werden historische Filmdokumente über die Ausgrabungen gezeigt.


Video Lepenski Vir – 9000 Jahre alte Kulturerzeugnisse


Fotostrecke: Lepenski Vir

Fotos: Ronald Keusch, Ingo Paszkowsky

Kika im Mammutpark

In Viminacium geht es schließlich ganz weit zurück bis in die Urzeit. Skelette von sieben Steppen-Mammuts können in einem Mammut-Park besichtigt werden. Für einen der Mammuts, der vor 60 Millionen Jahren hier lebte, wurde landesweit in einer Umfrage ein Name gesucht. Heute zeigen sich die beeindruckenden Knochenreste des Mammuts, der zu Lebzeiten täglich 300 Kilogramm Futter und 200 Liter Wasser benötigte, unter dem Namen Kika.

 

Hausgemachtes an der Donau

Weiter an der Donau entlang, erreicht man den kleinen Ort Donji Milanovac. Außerhalb des Ortes ist hier auf dem Rücken eines Hügels mit direkter Sicht auf die Donau ein Refugium besonderer Art geschaffen worden. Es trägt den Namen „Kapetan misin Breg“ und bezeichnet sich selbst als Etno-Komplex. Dahinter verbirgt sich ein weitläufiges Grundstück, mit einigen kleinen Holzhäuschen, einem Weinlager und jeder Menge von anspruchsvollen Holz-Skulpturen unter freiem Himmel. Der Hausherr und zugleich Schöpfer ist Stefanovic Zika. Der 64jährige Serbe hat keine Kunsthochschule besucht, sondern musste von frühester Kindheit an hart auf dem Feld arbeiten. Seine Inspiration waren immer Menschen, Bäume und die Donau. Jetzt hat er sich schon seit einigen Jahren dem Tourismus verschrieben. Mittlerweile ist sein Anwesen mit 12 Schlafplätzen und einem kleinen feinen Zeltplatz mit Donaublick bei Gästen aus aller Welt gefragt. (6)Authentisch ist auch die Speisetafel für seine Gäste. Und sie schwärmen dann von dem kräftig roten Paprikamus Ajvar, der selbst gemachten Spezialität der Familien auf dem Balkan, sie sind begeistert von den mit Maismehl panierten Brennesseln, loben die Pita Teigblätter mit weißem Käse und lassen sich Lamm-Koteletts und Spanferkel schmecken.

Eine Übernachtung mit Halbpension kostet pro Person und Tag 20 Euro. Allerdings hat Holzschnitzer Stefanovic in seinem Garten der Künste auch kostenloses WLAN und TV installiert. Er kennt seine Urlauber.

http://www.kapetanmisinbreg.rs/en/

 


Fotostrecke: Kapetan misin Breg

Fotos: Ronald Keusch, Ingo Paszkowsky

Die Neue Balkan-Küche

Bei der Fahrt entlang der Donau erlebt der Besucher die traditionelle Balkan-Küche. Da geht es schon auf den Tellern deftig und stark gewürzt zu, Cevapcici und Bifteki mit Schafskäse überall und in den Fischrestaurants die Fischsuppe und Karpfen munden allerorts. Doch schon längst hat sich vornehmlich in der Hauptstadt Belgrad die Neue Balkanküche etabliert. Dazu gehört das Restaurant von Vanja Puskar, das er vor einem Jahr in einer Wohnung in guter City-Lage eingerichtet hat. Es trägt den Namen „Iris“, nach der Göttin, die in der griechischen Mythologie den Regenbogen personifiziert. So bunt will auch die Speisekarte sein.

Neben einigen a la carte Speisen bietet das Restaurant Menüs an, die bis zu acht Gänge beinhalten und schon die hohe Schule der Kochkunst abverlangen. „Unser Markenzeichen ist die Kombination von modernen internationalen Koch-Trends mit den Produkten aus der regionalen Landwirtschaft“, unterstreicht Küchenchef Puskar. Deshalb gebe es auch enge Kooperation mit bäuerlichen Betrieben aus dem Umland. Dabei will das Team, das zunächst ihre neue Küche nur an drei Tagen in der Woche anbietet, viel Neues ausprobieren wie Raw beef slice, Aged beef und lemon balm granita (Zitronen-Melisse Granita)

www.NewBalkanCuisine.com

 

Naive Kunst in der Vojvodina

Die pannonische Tiefebene im Norden von Serbien macht ihrem Namen alle Ehre. Die Straßen führen durch ein flach gestrecktes Land mit scheinbar unendlichen Weiten, durchzogen von den Flüssen Donau, Theiss und Save. Hier in der Provinz der Vojvodina mit ihrem fruchtbaren Boden, teilweise hervorgerufen durch Ablagerungen von Meeresfossilien, dominiert eine ergiebige Landwirtschaft. In dem fruchtbaren Gebiet der Vojvodina haben sich seit Jahrhunderten viele Völker mit unterschiedlichen Sprachen und Religionen angesiedelt. Hier existiert seit lange Zeiten ein multikulturelles Zusammenleben, das für mehr als drei Jahrzehnte sogar den gesamten Vielvölkerstaat Jugoslawien unter der politischen Führung von Staatsmann Tito prägte.

Eine für Touristen zunehmend wichtige Station in der Vojvodina ist Kovacica im südlichen Banat, 90 Autominuten von Belgrad entfernt. In der Gemeinde, in der überwiegend Slowaken leben, haben sich bereits seit Anfang des 20. Jahrhunderts Künstler niedergelassen, die sich der naiven Malerei verschrieben haben. Gegenwärtig gibt es im Dorf eine ständige Ausstellung, die der Galerist Pavel Babka betreibt. Die Besucher geben sich die Klinke in die Hand. “Die Nachfrage ist groß nach der vereinfachten, unbekümmerten und phantasievollen Gestaltung von Mensch und Natur,“ sagt Galerist Babka, der in den Ausstellungsräumen insgesamt 63 Künstler präsentiert und ihre Bilder verkauft. Eine Besonderheit in der Region sind kleine mit naiven Kunstmotiven bemalte Stühle aus Holz, die sich Schamlitzka nennen. Wie auf der Leinwand stechen besonders die knalligen Farben ins Auge des Betrachters.

 

Galerie Babka. Foto: Ronald Keusch

Zuzana malt mit dem Herzen

Zu den Stars der Szene der naiven Malerei gehört zweifellos Zuzana Veresky, die die Vielzahl ihrer Arbeiten in ihrem geräumigen Wohnhaus vorführt. Natürlich stellen Journalisten immer wieder die Frage nach den Gründen für den Erfolg ihrer naiven Malerei. Immerhin kann sie auf eine Vielzahl von Ausstellungen in Paris und New York verweisen. Ihre Antwort ist so schlicht wie ihre Bilder mit den Motiven von den Dorfbewohnern, Kürbissen und Gänsen. „Weil ich das Gefühl vermittle, bei der Oma zu sitzen und Ruhe zu finden.“ Ihr Handy klingelt mehrmals, eine kleine Gruppe von Touristen aus den USA wartet bereits in einem der Wohnzimmer. Die moderne neue Welt schafft es zwar, bis in ihre Wohnung vorzudringen. Aber an ihrer Staffelei beginnt die No-Go-Area für die modernen Zeiten. Sie malt mit dem Herzen, macht ständig Skizzen und „bringt viel Liebe in die Bilder“. Hier in ihrem Dorf, wo mit der ländlichen Bevölkerung und den Künstlern insgesamt 23 Nationalitäten friedlich zusammen leben, fühlt sich die Malerin wohl. Ein großes Kompliment war für sie, dass Einheimische, von denen anfangs manche meinten, sie sei zu faul zum arbeiten, auch ihre Bilder gekauft haben. Aber Suzana verkauft Ihre Malerei auch sehr gern an die Touristen.

http://zuzanaveresky.com/

Zuzana Veresky. Foto: Ronald Keusch

 

Text und Fotos: Ronald Keusch, Oktober 2017

Mehr Informationen:

http://www.serbien.travel/home.957.html

 

Die Recherche-Reise wurde unterstützt von der Tourismus Organisation Serbiens.

 

Titelbild / Blick auf die Donau und das Eiserne Tor vom Aussichtspunkt Ploce. / Foto: Ingo Paszkowsky

 


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